Mit dem ATV zu den verlorenen Landys im Havelland.
Schlösser, Fähren, Seen, Backöfen, klösterliche Ruhe und Altstadtidylle. Es gibt sicher schnellere Routen zum Landy-Friedhof im Havelland. Aber keine hat mehr zu bieten als diese.
Wir starten in Caputh, direkt am Schloss. Kulturbeflissene umrunden das kleine Gemäuer aus dem 17. Jahrhundert und inspizieren den dahinter liegenden Landschaftspark. Der reicht bis zur Havel hinunter. Wissenschaftsenthusiasten spurten dagegen noch schnell hinauf zum Sommerhaus von Albert Einstein. Die Besichtigung geht schnell. Die Sonnenterrasse des Häuschens ist gefühlt größer als das Häuschen selbst. Alle anderen fahren gleich los zur eigentlichen Attraktion Capuths. Das ist die historische Seilfähre, die die Havel hier an der mit 80 m wirklich engsten Stelle weit und breit überquert. Sie braucht dazu keinen Motor, sondern wird durch die Strömung von Ufer zu Ufer gedrückt. An schönen Wochenenden ist hier die Hölle los und von der Terrasse des Alten Fährhaus lässt sich das ständige Hin und Her der "Tussy II, so heißt das gute Stück, bestens beobachten.
Von Caputh geht es am Ufer des Schwielowsees entlang zum idyllischen Künstlerdorf Ferch und dann durch dichten Wald nach Neuseddin und zur B 2. Die bringt einen am Seddiner See vorbei, ganz schnell nach Beelitz. Dort dreht sich alles um den Spargel. Im zeitigen Frühjahr sind hier die Felder weiß von den Folien, unter denen das Edelgemüse reift. Beelitz ist das Zentrum dieses Spargelanbaugebiets. Folgerichtig nennt sich der Ort auch "Spargelstadt". Damit nicht genug, es gibt auch noch die "Beelitzer Spargelstraße", die das gesamte Anbaugebiet umrundet. Zunächst führt die Spargelstraße jedoch nach Beelitz-Heilstätten. Früher war das so eine Art Krankenstadt: Eine riesige Ansammlung von Kliniken und Kureinrichtungen für die Tuberkolosekranken aus dem nahen Berlin, einheitlich errichtet im Baustil der Kaiserzeit. Heute ist es eher eine krude Mischung aus Architekturdenkmal, Großbaustelle und "Lost Place". Die meisten Einrichtungen von damals verfallen entweder oder sie werden aufwändig zu luxuriösen Wohnressorts umsaniert. Auch aus dem Gelände des ehemaligen Heizkraftwerks ist inzwischen eine schicke Einkaufsmeile geworden. Der Rewe-Markt in einer der restaurierten Hallen gehört sicher zu den architektonisch wertvollsten in ganz Deutschland. Am Ortsausgang findet sich die jüngste Attraktion des Ortes. Der Baumwipfelpfad "Baum&Zeit" führt in luftiger Höhe über das Gelände der ehemaligen Chirurgie und bietet spektakuläre Blicke auf die verfallenden Gemäuer.
Ein paar Kilometer weiter sind die Attraktionen deutlich kleiner. Mitten in einer Kurve in der Ortsmitte von Emstal sind rechts der Straße ein paar eher unscheinbare Erdhügel
zu sehen. Das sind uralte Backöfen aus dem 19. Jahrhundert, in denen die Bewohner früher ihr Brot backten. Zwei sind einsturzgefährdet, aber zwei funktionieren noch und werden regelmäßig von den ehrenamtlichen Mitarbeitern des kleinen Museums gegenüber die in Betrieb genommen. An Himmelfahrt etwa gibt es frisches Brot und Eisbein aus den Öfen; vermutlich auch viel Bier.
An der großen Abzweigung mitten in Lehnin heißt es unbedingt rechts abbiegen und nach ein paar Metern sofort wieder links auf den großen Parkplatz des ehemaligen Zisterzienserklosters. Der Parkplatz ist deshalb so groß, weil das Kloster zu den Top-Sehenswürdigkeiten in Brandenburg zählt. Auch wenn man mit alten Kirchen und Klöstern eher wenig am Hut hat, sich nicht für norddeutsche Backsteinarchitektur begeistern und auch Museen eher wenig abgewinnen kann: Hier muss man ganz einfach runter von der Maschine und kurz mal abschalten. Die ganze Anlage verströmt eine unglaubliche Ruhe und Gelassenheit, die sich fast augenblicklich auf die Besucher überträgt. Das Kloster wirkt wie ein Entspannungsbad für die Seele. Das klingt ein bisschen pathetisch, ist aber wirklich so.
Weil die B 102 eher wenig Spaß macht, pirschen wir uns entlang des Rietzer Sees in Richtung Brandenburg an der Havel. Die drittgrößte Stadt im Land Brandenburg ist mit ihren rund 75.000 Einwohnern nach hiesigen Verhältnissen fast schon eine Metropole. Das älteste Gebäude der Stadt ist auch zugleich das bedeutendste: Der Dom St. Peter und Paul. Er steht mitten auf der historischen Domisel. Vom Parkplatz am Grillendamm sind es nur ein paar Schritte über die kleine Fußgängerbrücke und schon steht man in einem anderen Jahrhundert. Brandenburg hat wirklich viele schöne Ecken. Aber die Gegend rund um den Dom ist kaum zu toppen. Mit etwas Glück stolpert man auch hier über einen kleinen schwarzen Mops. Gleich 25 solcher Mopsskulpturenhaben sie in der ganzen Stadt aufgestellt zu Ehren von Loriot, dem aktuell wohl bekanntesten Sohns Brandenburgs. Unvergessen: "Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos".
In Pritzerbe macht die B 102 eine lange Linkskurve. Und plötzlich stehen links auf einer Wiese jede Menge alte Landrover und rosten vor sich hin. Hauptsächlich sind es Rechtslenker der Serien II und III. Die sind Olaf Köhler die liebsten. Ihm gehört die Wiese und ihm gehören auch die Landys. Zusammengesammelt hat er sie über Jahrzehnte aus allen Teilen des Commenwealth. Manchmal verkauft er einen am Stück, meistens aber sind es selten gewordene Ersatzteile, die er ausbaut und in alle Welt verschickt. In den besten Zeiten standen mal 70 Landys auf Köhlers Wiese. Jetzt werden es von Jahr zu Jahr weniger. Wenn man sich vorne im Büro anmeldet, hat Köhler nichts dagegen, dass man seine Schatzwiese besichtigt. Auch Fotografieren ist kein Problem. An Motiven mangelt es wahrlich nicht.
Jetzt wird es langsam Zeit für den Heimweg. Der führt direkt durchs Havelland über Marzahne , Beetzsee und Roskow. Hier ist die Gegend flach, das Wasser nah und in Ketzin endet die Straße direkt am Havelfähranleger. Die Havelfähre Ketzin ist die einzige Möglichkeit weit und breit, um den Fluss zu überqueren. Über mangelnde Auslastung braucht sich "Charlotte" nicht zu beklagen. Seit ein paar Jahren erledigt sie ihren Job sogar mit Elektroantrieb. Eine Fähre gibt es hier übrigens seit dem 14. Jahrhundert. Inzwischen ist auch Kartenzahlung möglich. Ein ATV darf für 4 € an Bord.
Drüben am südlichen Ufer der Havel sind nur noch ein paar Kilometer bis nach Werder. Was Beelitz für den Spargel ist Werder für den Obstanbau. Äpfel, Birnen, Kirschen, Erdbeeren und Pflaumen, hier gibt es alles und zwar gleich plantagenweise. Überregional bekannt ist das Städchen für sein jährliches Baumblütenfest im Frühling. Aber unbedingt besuchenswert - und zwar ganzjährig- ist auch die Altstadtinsel. Die bietet Romantik pur: Enge Gassen, uraltes Holperkopfsteinpflaster, kleine sauber restaurierte Fischerhäuschen, sogar eine antike Bockwindmühle und über allem thront die Heilig-Geist-Kirche.
Auch wer einfach nur in Ruhe einen Kaffee mit Blick auf die Havel trinken will, ist auf der Altstadtinsel genau richtig. Mehr Stärkung braucht es nicht, denn bis zur Fähre hinüber nach Caputh sind es nur noch ein paar Kilometer. Der Tageskilometerzähler sollte dort bei 145 km stehen.
4 Räder, 1 Riemen meint: Wenn man einen Tag für die Tour einplant, kommt man locker mit der Zeit klar. Welche Orte man wie lange besucht, hängt von den persönlichen Vorlieben ab. Unbedingt sehenswert sind das Kloster in Lehnin, der Dom in Brandenburg, die Altstadt von Werder und natürlich die Landys in Pritzerbe.Die Tour ist ausschließlich onroad.
