Hinter den Kulissen der Hans Leeb GmbH.
Die übergroße Mehrheit der in Deutschland verkauften ATV und SSV stammt mittlerweile aus China. Und fast jedes Fahrzeug durchläuft auf dem Weg zum Kunden einen Knotenpunkt - den Importeur. Doch was passiert eigentlich bei so einem Importeur? 4 Räder, 1 Riemen hat den größten im deutschsprachigen Raum besucht.
Für ein Unternehmen, das auf eine reibungslos funktionierende Logistik angewiesen ist, ist der Standort optimal gewählt: Am westlichen Stadtrand von Wolfsberg in Kärnten, direkt an der Auffahrt zur Autobahn A2. Und um was es hier geht, ist nicht zu übersehen. Die Logos von CFMOTO und von GOES prangen groß an der Fassade. Hier also residiert der Generalimporteur der beiden Marken für Österreich und Deutschland, die Hans Leeb GmbH.
Wer bei einem Fahrzeugimporteur lange Reihen sauber in Reih und Glied stehender ATVs erwartet, liegt falsch. Der durchaus beachtliche Firmenhof der Hans Leeb GmbH würde das zwar hergeben, aber außer ein paar himmelblauen Kisten mit CFMOTO-Aufschrift und einem einsamen UTV ist der Hof so gut wie leer.
Der Grund ist simpel aber überraschend: Nach Wolfsberg kommen so gut wie keine zum Verkauf bestimmten Neufahrzeuge. Lediglich das Elektro-UTV UForce U6 EV wird hier endmontiert und dann an den Handel geliefert. Alle anderen Fahrzeuge, die hier stehen, gehören zur Marketing-Abteilung und kommen bei Messen, Präsentationen oder Presseterminen zum Einsatz.
Die Neufahrzeuge aber gehen an eine große auf Fahrzeugtransport und - logistik spezialisierte Spedition bei Fulda . Früher kamen die Container meistens über den Seeweg aus China. Seit etwa drei Jahren aber hat CFMOTO fast ausschließlich auf den Bahntransport über die chinesische "Neue Seidenstraße" umgestellt. Das ist zwar deutlich teurer, geht aber wesentlich schneller und ist vor allem planbarer, weil der Bahntransport weniger von den großen geopolitischen Krisen betroffen ist.
Täglich kommen wenigstens vier Container in Fulda an. In jedem stecken bis zu 36 himmelblauer Kisten mit dem CFMOTO-Logo. Und in jeder steckt ein fast fertig montiertes ATV. Das sind unter dem Strich Mengen, die den Firmenhof in Wolfsberg bei weitem überfordern und logistisch gar nicht zu bewältigen wären. Wolfsberg steuert lediglich per Computer anhand der Fahrzeugnummern die Verteilung und sagt der Spedition in Fulda, welches Fahrzeug an welchen Händler geliefert werden soll. Der Händler vor Ort muss die Maschine nur noch aus dem Transportgestellen lösen, Lenker, Spiegel sowie ein paar andere Teile montieren, alle Flüssigkeiten einfüllen, dann noch die Endkontrolle vornehmen und schon kann er das ATV in seinen Showroom rollen oder zulassungsfertig an den Kunden übergeben. Bei den UTVs läuft es ein bisschen anders. Hier ist der Aufbau deutlich komplizierter. Deswegen werden sie gleich fix und fertig montiert aus China geliefert.
Wieviele Kisten für die Hans Leeb GmbH jährlich abgefertigt werden, sprich wie hoch die Verkaufszahlen sind, dazu will man sich nicht äußern. Aber allein in Deutschland wurden im vergangenen Jahr weit über 6000 Four-Wheeler der Marke CFMOTO neu zugelassen (1). Leeb gilt heute als der größte und erfolgreichste Powersports-Importeur im deutschsprachigen Raum. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass die Firma in den frühen1980ern als kleiner Händler und später auch Importeur für Mopeds und Motorräder begann. Heute beschäftigt die Hans Leeb GmbH am Stammsitz in Wolfsberg rund 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Seit 2024 haben sich unter die vielen blauen Kisten auch welche in Orange gemischt. Die Hans Leeb GmbH hat seitdem nämlich auch den exklusiven Import und Vertrieb von GOES inne, der zweiten CFMOTO-Konzernmarke. 2025 kamen noch die Motorrädern von CFMOTO dazu. Jetzt ist es eng geworden in dem kleinen Showroom im Erdgeschoss des Verwaltungstrakts. Dort präsentiert Leeb seine Produkte. Endverbraucher wie du und ich müssen aber draußen bleiben. Leeb ist ein reiner Business-to-Business-Betrieb. Der Showroom dient ausschließlich zur Information von Geschäftskunden und Händlern.
Die Sparten Powersports und Motorrad zusammengenommen umfasst das gesamte CFMOTO-Vertriebsnetz in Deutschland und Österreich inzwischen über 350 Händler. Die wollen alle betreut werden und ihre Kunden auch. After Sales nennt sich das Neudeutsch und ist für Leeb genauso wichtig wie der Verkauf. Hier geht es am Ende um die Bindung der Kunden an die Marke. Zufriedene Kunden kommen wieder und zufriedene Händler bleiben bei der Stange. So bietet Leeb seinen Händlern regelmäßig Produktschulungen an. Dafür gibt es einen Konferenzraum gleich neben dem Showroom. In der sich anschließenden Technikabteilung werden die Garantieanträge, die der Handel einreicht auf Plausibilität geprüft und nötigenfalls auch defekte Teile penibel untersucht. In der Werkstatt der Technikabteilung herrscht übrigens Fotografierverbot. Hier sieht es zwar aus wie in jeder anderen Werkstatt auch, aber manchmal stehen dort Vorserienmodelle auf der Arbeitsbühne oder auch Prototypen, die noch lange nicht an Öffentlichkeit sollen. Ganz wichtig ist die Technik-Hotline. Dort sitzen Experten am Telefon, die kennen jede Schraube und jeden Sensor an jedem ATV-Modell das über Leeb ausgeliefert wurde. Sie unterstützen mehr oder weniger verzweifelte Händler, die den Fehler bei einem Kundenfahrzeug partout nicht finden können.
Am wichtigsten aber ist die Ersatzteilversorgung. Über 3000 qm Stellfläche bietet die große Lagerhalle dafür. Und die ist voll. Hier lagert alles vom Getriebe einer UForce 1000 bis hin zu den Aufklebern für das Kinderquad. Die Schwerlastregale reichen bis unter die Decke. Insgesamt ist Platz für 1600 Europaletten. Richtig verwirrend für den Außenstehenden ist das Kleinteilelager. Dort liegen zwischen 100- und 200000 Kleinteile vom kleinen Schräubchen bis zum Bremsdruckschalter. Wieviel genau weiß niemand. Um so erstaunlicher ist, dass der Kupferdichtring für die Ölablassschraube einer CFMOTO CForce 450, Baujahr 2021, mit der Teilenummer CF-0NYV-010120-1000 tatsächlich in kürzester Zeit in der Versandabteilung landet und an den bestellenden Händler rausgeht.
Der Versand sitzt in der Mitte der großen Lagerhalle sozusagen wie die Spinne im Netz. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort verpacken täglich bis zu 300 fertig kommissionierte Ersatzteillieferungen, die spätestens zwei Tage nach Bestellung am Ziel sein sollen. Bis Jahresende will Leeb sein Kleinteilelager komplett automatisiert haben. Das soll unter anderem die Lieferzeiten weiter optimieren. Zwei riesige Lagerautomaten, die bis knapp unter die Hallendecke reichen, werden gerade installiert. Und wenn die laufen, weiß endgültig nur noch der Kollege Computer wo sich welches Teil befindet.
4 Räder, 1 Riemen meint: Rein flächenmäßig betrachtet, ist die Hans Leeb GmbH in erster Linie ein riesengroßes Ersatzteillager. Und das ist wirklich beeindruckend. Aber all das, was man sich unter einem Importeur von Powersports-Fahrzeugen vorgestellt haben mag, ist die Firma nicht. Hier gibt es nur ganz wenige Fahrzeuge und so etwas wie Action gibt es gar nicht. Hier geht es um die Steuerung der Vertriebsabläufe und um die Verwaltung der Prozesse. Aber spannend sind die Abläufe hinter den Kulissen rund um das eigene Fahrzeug vor und nach dem Kauf allemal.
(1) Zahlen KBA
📷 Hans Leeb GmbH, kku
