Krasse Gegend
Eine Region im Wandel: Vorn die schicke neue Marina, dahinter dampft eins der letzten Braunkohlekraftwerke. Der Sportsman und die alte MZ sind auf Foto-Tour kreuz und quer durch das Lausitzer Seenland.
Nichts zeigt den Strukturwandel in der Lausitz besser als dieses Foto. Auf der einen Seite der Tourismus als ein neuer Wirtschaftszweig. Auf der anderen Seite die letzten Zuckungen von Kohleverstromung und Bergbau. Spätestens 2038 ist Schluss. Der Ausstieg aus der Braunkohle ist beschlossene Sache.
Im Vordergrund der Senftenberger See, im Hintergrund weitet sich das Lausitzer Seenland: Schwer vorstellbar, dass jeder dieser Seen mal ein riesiger Braunkohlekrater war. Der Senftenberger See ist sozusagen die Mutter aller Lausitzer Seen. Er wurde schon in den 1960ern geflutet und 1973 eröffnet. Heute gibt es hier alles: Einen Stadthafen mit kleiner Seebrücke, ein Strandhotel, Strände natürlich auch, sogar eine FKK-Zone und dazu noch eine künstliche Insel mitten im See, ein Naturparadies, das nicht betreten werden darf. Der Senftenberger See ist ein idealer Ausgangspunkt für eine Tour durchs Lausitzer Seenland.
Seen, wohin man schaut. Mal gehören sie zu Brandenburg, mal gehören sie zu Sachsen - die Landesgrenze mäandert kreuz und quer durch die Lausitz. Mal sind die Seen touristisch erschlossen mit Badestränden und entsprechender Infrastruktur, mal abgelegen idyllisch. Aber alle sind sie künstlich. Das Lausitzer Seenland ist das größte von Menschenhand geschaffene Seengebiet Europas mit zwei Dutzend gefluteten Seen und schiffbaren Verbindungskanälen. Denn was tun mit den riesigen Löchern, die der Tagebau hinterlassen hat? Na klar: Volllaufen lassen und fertig ist die Seenplatte. Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Dahinter steht ein gigantisches, auf Jahrzehnte angelegtes Wasserbauprojekt. Die Flutung des Sedlitzer Sees, dem größten der gesamten Seenplatte, hat über 20 Jahre gedauert. Die Lausitz ist schließlich eine der trockensten Regionen in ganz Deutschland und die beiden vergleichsweise kleinen Flüsse Spree und Schwarze Elster liefern auch nur begrenzt Wasser.
Landmarke Lausitzer Seenland, so heißt dieses beliebte Ausflugsziel am Sornoer Kanal zwischen dem Sedlitzer und dem Geierswalder See ganz offiziell. Aber alle nennen den futurisch gestalteten Turm nur den rostigen Nagel. Er besteht aus Corten-Stahl, auf dem sich die charakteristische rostrote Patina bildet. Wer die 162 Stufen zur Aussichtsplattform hinaufgeklettert ist, wird auf knapp 30 m Höhe mit einem phantastischen Blick auf gleich drei Seen belohnt. Und man kann auch gut erkennen wie sehr der Mensch die Landschaft hier mitgestaltet hat.
Das Riesenloch kurz vor Spremberg ist so gewaltig, dass man schon zweimal auf das Foto schauen muss, um die gigantische F 60 Abraumförderbrücke überhaupt zu entdecken. Dabei ist das Gerät über 500 m lang und 80 m hoch. Welzow-Süd ist der letzte noch aktive Tagebau in Brandenburg. Der Aussichtspunkt am südlichen Rand bietet einen perfekten Blick hinein. Welzow-Süd ist der Hauptversorger für das Kraftwerk und die Brikettfabrik Schwarze Pumpe. Insgesamt gab es einmal an die 30 Tagebaue in der Lausitz. Heute sind noch drei in Betrieb, Welzow-Süd in Brandenburg zwei weitere in Sachsen. Für alle die selbst einmal hinunter wollen in den Tagebau, bietet das Besucherzentrum "excursio" im alten Welzower Bahnhof entsprechende Touren an. Ein originaler Mannschaftstransporter bringt die Teilnehmer ganz nah ran an die F 60. Erst hier unten wird richtig klar wie gigantisch die Dimensionen sind und welche Kräfte hier wirken. Die riesigen Schaufeln der Förderbrücke räumen pro Sekunde sieben Tonnen Abraum weg.
Die Landschaft ist mit einem Wort perfekt beschrieben: Flach. Kein Berg, kein Hügel, kein nix, einfach nur flach. So gesehen ist das Kraftwerk Boxberg die eigentliche Landmarke in der ganzen Gegend. Die Kühltürme sind 176 m hoch und kilometerweit zu sehen. Vom DDR-Einheitsgrau und dem Kohledreck der Vergangenheit ist dagegen so gut wie nichts mehr da. Die Dörfer sind propper und einst verrußte Bergarbeitersiedlungen sind heute top sanierte und begehrte Wohnlagen. Viele Besucher wundern sich über die zweisprachigen Ortsschilder. Das schwer zu Entziffernde ist Sorbisch. Etwa 60.000 Sorben leben in der Lausitz. Sie sind eine anerkannte Minderheit mit besonders geschützter Kultur und einer eigener Sprache. Vieles in der Lausitz ist daher zweisprachig.
Für alle, die ein bisschen Offroad-Spaß mit Quads und ATVs suchen, lohnt sich ein Besuch in Klein Partwitz. Das kleine Dörfchen ist umzingelt von gleich drei künstlichen Seen und hatte Glück. Der Nachbarort Groß Partwitz fiel einem Tagebau zum Opfer und wurde abgebaggert. Das Quadcenter Klein Partwitz bietet geführte Offroad-Touren durch rekultivierte Tagebauflächen. Man kann auch mit dem eigenen Fahrzeug teilnehmen. Ebenso können feste Gruppen mit eigenen Fahrzeugen die Touren buchen. Die Firma hat die nötigen Sondergenehmigungen und so kommen die Gäste auch in Ecken, die normal nicht zu erreichen sind. Eine Tour führt auch hinunter in den Tagebau Welzow-Süd. Wer noch nie in einem Tagebau offroad unterwegs war - unbedingt machen: Das ist wie Fahren auf dem Mond .
Der Bärwalder See ist der größte See in Sachsen und touristisch perfekt erschlossen. Rund um den See verläuft ein spiegelglatt asphaltierter Radweg. Es gibt drei saubere Badestrände. An der Marina in Klitten lassen sich Hausboote mieten. Und gegenüber auf der Boxberger Seite liegt der Campingplatz "Sternencamp". Alles ist sauber, alles ist top und doch wirkt alles auch ein bisschen künstlich und irgendwie gewollt. Das ist die Kehrseite von menschengemachter Landschaft. Wahrscheinlich wird es noch Jahre dauern bis sich das Gefühl einstellt, das alles hier sei schon immer so gewesen.
1955 begann der Aufbau des "Kohleveredlungskombinates Schwarze Pumpe". Bis in die 80er Jahre übernahm das Kombinat die Versorgung von 85% der ehemaligen DDR mit Strom und Gas. Der Name "Schwarze Pumpe" stammt der Legende nach von einem mittelalterlichen Gasthof, dessen Wasserpumpe vor dem Haus schwarz angemalt wurde - als Warnung vor der Pest. Heute firmiert das Gelände als "Industriepark Schwarze Pumpe". Mitten hindurch verläuft die Landesgrenze zwischen Brandenburg und Sachsen. Aber das interessiert hier niemand. Schwarze Pumpe ist LEAG-Country. Die LEAG betreibt alle noch verbliebenen Tagebaue und Braunkohlekraftwerke in der Lausitz und ist nach wie vor der größte Arbeitgeber weit und breit. In Schwarze Pumpe läuft eines der modernsten Braunkohlekraftwerke Europas unter LEAG-Regie und dazu eine der letzten Brikettfabriken. Vor dem Haupttor starten auch die hoch geländegängigen gelben Unimogs und Mercedes Zetros, die die Kumpel zu ihren Arbeitsplätzen im Tagebau Welzow-Süd bringen. Doch der Umbau des Standorts weg von der fossilen Energieproduktion hat längst begonnen. Jetzt geht es um Hightech und grüne Zukunftstechnologien.
Von Schwarze Pumpe ist es nur ein Katzensprung nach Hoyerswerda. Vielen gilt der Ort lediglich als schnell hochgezogene Schlafstadt für das alte Energiekombinat. Das stimmt natürlich, aber Hoyerswerda hat auch eine richtig schöne Altstadt. Und auf mitten auf dem Marktplatz steht eine absolute Besonderheit: Eine kursächsische Postmeilensäule aus dem Jahr 1730, sozusagen ein in Stein gemeißelter Vorläufer unserer heutigen Verkehrsschilder. Allerdings sind die Distanzen hier in Wegstunden angegeben. Eine Wegstunde beträgt umgerechnet 4,5 km. Durch die exakte Angabe der Distanzen konnten Postgebühren und Reisezeiten erstmals präzise und für alle nachvollziehbar berechnet werden. Zu Zeiten August des Starken entsprach die Entfernung zwischen Hoyerswerda und unserem Startpunkt am Senftenberger See rund 4,5 Wegstunden. Heute schafft das sogar die alte MZ in weniger als 30 Minuten
4 Räder, 1 Riemen meint: "Die Lausitz. Krasse Gegend" ist der Titel einer Imagekampagne für die Region. Und der trifft es wirklich. Selten prallen die Gegensätze so aufeinander wie hier: Eine von Tagebauen aufgerissene Landschaft verwandelt in eine künstlich gestaltete Seenidylle, der Kohlebergbau im Niedergang, der Tourismus im Aufbruch. Aber Lausitz und Tourismus - so richtig will das im Kopf noch nicht zusammengehen. Das klingt wie Urlaub im Ruhrgebiet. Images sind eben zäh. Aber die Lausitz hat was. Sie hat Wasser, sie hat Weite, sie hat Ruhe und sie bietet durch ihre Industriekultur eine hohe Erlebnisintensität. Es gibt überall was zu tun, was zu gucken, was zu machen. Eins ist die Lausitz mit Sicherheit nicht : Langweilig.
📷 Stephan Ritter, Zweckverband Lausitzer Seenland Brandenburg, Quadcenter Klein Partwitz, LEAG.
▶️https://www.quadcenter-klein-partwitz.de/
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